Flugzeugbeschaffungs-Missionen der Armeeleitung

Die schweizerische Armeeleitung begann sich in der zweiten Hälfte 1913 mit der Be-schaffung von Armeeflugzeugen zur Gefechtsfeld-Beobachtung – also nicht als bewaff-nete Kampfflugzeuge – zu beschäftigen. Die Kosten je Apparat betrugen damals um 15–25'000 Fr.1

Eine bundesrätlich eingesetzte Flugzeug-Beschaffungskommission stand unter der Lei-tung von Korpskommandant und Oberst Alfred Audéout (1853–1917)2. Weitere Mitglie-der waren die Obersten de Wattenwil und Müller sowie Major Hilfiker. Als technischer Experte reiste Oskar Bider mit.

Schon Ende Mai 1913 begannen einzelne Flugzeugbau-Unternehmer, sich mit der Frage an Oskar Bider zu wenden, ob er allenfalls an einem Flugzeug ihres Typs interessiert sei. Auch bat man ihn wiederholt, über alle weiteren Pionierflüge rechtzeitig zu infor-mieren, so dass man die Presse darüber werbewirksam informieren und ihn danach ho-norieren könne (Blériot-Hersteller in Paris).

Später erhoffte man sich – wie aus vorstehendem Kapitel ersichtlich – bei Flugzeug-Beschaffungen der schweizerischen Armeeleitung Biders Hilfe als Wegbereiter zum Armeestab beanspruchen zu dürfen. Bider selbst hatte die Blériot-Firma darum gebe-ten, ihm im Falle von Armeebestellungen – gerade wegen seiner Renommee-Wirkung – je verkauften Blériot-Apparat eine Provision zu bezahlen. Dies würde ihm, Bider, ermö-glichen, seine finanziellen Aufwendungen für Unterhalt und Betrieb seiner Blériot-Ma-schine tiefer zu halten (vgl. Brief vom 29.06.1913).

Privat belieferte man Bider hin und wieder mit technischen Informationen, beispielswei-se über neue, effizientere Flügelkonstruktionen oder bessere Propellertypen.

Am 1. Dezember 1913 begab sich die Eidg. Flugzeug-Beschaffungskommission – nur Tage nach Biders Rückkehr (25.11.1913) von seiner privaten Reise nach Berlin – nach München zur Prüfung des Flugzeugs Otto und nach Wien zum Studium von Lohner-Pfeil und Etrich-Taube. Nach kurzem Aufenthalt in Wien kehrte die Kommission am 8. De-zember 1913 wieder in die Schweiz zurück.

Am 15. Dezember 1913 sodann reiste die Eidg. Flugzeug-Beschaffungskommission nach Paris, um ihren Auftrag noch vor Weihnachten 1913 zu beschliessen. Man interes-sierte sich in Paris – gemeinsam mit Partner-Kommissionen aus England und der Nie-derlande – für die Motoren Gnôme, Rhône und Clerget, sodann für die Flugapparate Blériot und Farman.

Über beide Reisen wurde in der Westschweizer Presse sehr detailliert berichtet (Gazette de Lausanne et Journal Suisse3), nicht so in der diesbezüglich überprüften Berner Pres-se (Berner Intelligenzblatt – sonst sehr fleissig und ausführlich bei aviatischen Meldun-gen).

Oskar Bider flog seinen neuen und selbsterworbenen Blériot-Apparat4 (Baujahr 1913, wieder verwendeter Gnôme-Motor, Nennleistung 80 PS) am 25. Dezember 1913 von Paris nach Bern. Der Flug dauerte 4h20min – in winterlicher Kälte. Seine Kommissions-kollegen reisten mit der Bahn in die Schweiz zurück.

1
 vgl. Gazette de Lausanne et Journal Suisse, vom 22. Dezember 1913; Kommentar von R. Esnault, Präsident der «Chambre Syndicale des Industries Aéronautiques».

2
 Wegen altersbedingten Führungsschwächen von General Ulrich Wille (1848–1025) stand KKdt. Alfred Audéoud (1853–1917) um 1917 – dank seinen breit anerkannten Führungsqualitäten und aus politischen Gründen (Genfer, Romand) – als ev. Generals-Nachfolger im Gespräch. Leider starb Audéoud ganz plötzlich Ende 1917 im Tessin an einer Lungenentzündung. Privat war er Vizepräsident von Aero- sowie Touring-Club. Man kann sich füglich fragen, wie 1918 die innenpolitische Lage mit Audéoud als General, und mit Blick auf die Rolle der Armee im Landesstreik vom November 1918, anders herausgekommen wäre.

3
 vgl. Ausgaben vom 05./07./26. u. 29.11., sodann 04./10./17./22./26. u. 29.12.1913. Hinweis: Laut Abrech-nungsliste Biders zu seinen Spesen weilte die Kommission zwischen 28.01. und 06.02.1914 doch noch in Berlin. Dazu finden sich jedoch vorliegend keine weiterführenden Dokumentenkopien.

4
 Die beiden Blériottypen Baujahr 1912 und 1913, die Bider nacheinander besass, unterschieden sich in einem kleinen, aber typischen Baudetail: Der Flügelansatz am Rumpf des Apparats von 1912 hatte eine geschwungene Aussparung, jener von 1913 jedoch eine viereckige. Dieses Detail ermöglicht beispielsweise eine zweifelsfreie zeitliche Zuordnung von unsicheren zeitgenössischen Fliegeraufnahmen, sofern darauf ein Blériot-Flügelansatz sichtbar ist.