Einleitung

Die in dieser Bearbeitung vorgelegten, kommentierten Originaldokumente stammen ursprünglich aus dem Nachlass von Pionieraviatiker Oskar Markus Bider (1819–1919). Sie betreffen beinahe ausschliesslich das für Bider wichtige Pionieraviatik-Jahr 1913.

Die versandte und empfangene Korrespondenz erfolgte hauptsächlich via Biders Wohnadresse an der Alpenstrasse 9 in Bern. Ab Anfang März 1913 nach seiner Rückkehr aus der Fliegerschule in Pau (Pyrenäen) wohnte Bider 16 Monate bei der Cousinfamilie  Paul Robert (1876-1957) und Alice Marie (1883-1960) Cardinaux-Gerster und ihren drei Söhnen Robert (1904-1990), Alfred (1905-1999) und Eduard (1909-1993).

 

Paul Robert Cardinaux war der älteste Cousin von Oskar Bider. Er war  Sohn von Biders Tante väterlicherseits, Sophie Cardinaux-Bider (1853–1908), geboren in Langenbruck BL. Paul Robert war ab den 1910er-Jahren Direktor des Schweizerischen Serum- und Impfinstituts in Bern und später auch Präsident der Fluggesellschaft Alpar/Belp.

Cardinaux verfügte bereits über eine Schreibmaschine und schrieb fliessend Französisch, Italienisch und Englisch. Sprachlich bildete er sich als kaufmännischer Stagiaire kurz vor der Jahrhundertwende 19./20. in mehrjährigen Aufenthalten in Florenz und in London weiter. Über jene Jahre hat Paul R. Cardinaux die Methode der Korrespondenz-«Kopienbücher» benutzt.

Alle seine Briefe - und vereinzelt sogar Ansichtskarten - hat er vor dem Versenden gewissenhaft nach einem damals bereits bekannten, ziemlich aufwändigen technischen Verfahren kopiert (Hinweise dazu auf Anfrage im Landesmuseum, Zürich). Danach hat er diese «fragilen» Papiere zu zwei Büchern binden lassen («Kopienbücher» - «Copies des Lettres»). Dies beiden Cardinaux'schen Kopienbücher mit der privaten Korrespondez von  Paul Robert befinden sich im «Stadtarchiv Bern».

 

Beurteilt am Cardinaux'schen Schreibstil in diesen älteren, privaten Dokumenten (1895 bis ca. 1910) ist folgendes ziemlich gesichert: Die meisten nachstehend präsentierten, auf Schreibmaschine abgefassten Texte sind zweifelsfrei von Paul Robert Cardinaux geschrieben worden.

Oskar Bider habe nur sehr ungern Texte selber verfasst. Bei Reden habe er sich kurz gehalten («schlichte Dankesreden»), sowie laut zeitgenössischen Presseberichten während seinen Besuchen in der Romandie auch kein ausgefeiltes Französisch gesprochen.

Daraus folgt:

Aus vorliegendem Material wird klar ersichtlich, dass Oskar Bider und Paul Robert Cardinaux ein ausgezeichnet funktionierendes Cousins-Paar waren. Bider widmete sich demzufolge seinen anspruchsvollen pionieraviatischen Aktivitäten. Cardinaux hingegen erledigte in seiner Wohnung an der Alpenstrasse 9 die organisatorische und thematische «Schreibtisch»-Arbeit.

 

Die einleitend vorgestellte, pionieraviatische «Berner Korrespondenzen-Sammlung» (1913) nahm Oskar Bider später mit nach Dübendorf. Andernfalls wäre sie bei Cardinaux geblieben und befände sich heute mit Sicherheit im Cardinaux-Nachlass (in den Enkel-Familien). Bider bewahrte den Briefstapel bis zu seinem Unfalltod im Juli 1919 höchstwahrscheinlich bei sich in seiner Dübendorfer Unterkunft auf.

Danach gelangte diese Dokumentation vermutlich direkt an seinen älteren Bruder, Georges Alphons «Schorsch» Bider (1890–1946). Jahrzehnte nach dessen Tod erwarb sie der in den «Vorbemerkungen» erwähnte, ferne Verwandte der Bider-Geschwister, Ernst Bider. Er hat die nachstehende Originalkorrespondenz rechtzeitig kopieren lassen.1

Die nachfolgend den einzelnen Kapiteln vorangestellten Erläuterungen dienen dem bessern Verständnis des Sachgehalts in den einzelnen Themen-Blöcke.

1 Zahlreiche meist private Brief von und an Oakar Bider sind auszugsweise auch im Buch von Otto Walter veröffentlicht worden (vgl. «Bider der Flieger», O. Walter Verlag, Olten, 1938). Sie sind jedoch nicht Gegenstand vorliegender Abhandlungen. Diese Originalbriefe sind verschollen. Etwa 20 weitere solche Originalbriefe aus dem Biderischen Nachlass hat J. Dettwiler-Riesen, Thun, gesichtet und elektronisch kopiert (Verwandten-, Bekannten- und Kollegen-Korrespondenz sowie «Schwärmerinnen»-Briefe). Diese ca. Originale sind heute alle in privatem Besitz und nicht öffentlich zugänglich. Letztlich sind sie inhaltlich nur in genauer Kenntnis des sozialen Umfelds der beiden Geschwister Oskar Marcus und Julie Helene «Leny» Bider (1894-1919) verständlich.